08.01.2016

Sozial schwach

Johanna Weigl-Mühlfeld

Immer wieder stoße ich auf den Begriff "sozial schwache" Menschen. Oder gar "untere soziale Schicht". Diese in Mode gekommene Formulierung von sozial schwachen Menschen bringt mich in Rage. Gemeint sind damit Menschen, meist Familien, die nicht vermögend sind, die nicht viel Geld haben. Die Gleichung "arm = sozial schwach" ist jedoch ein grundsätzlicher Denkfehler.
Ein Blick in den Duden kann diese politische Phrase ad absurdum führen: Synonyme für das Wort "sozial" sind: gemeinnützig, hilfsbereit, karitativ, Nächstenliebe übend, selbstlos, uneigennützig, barmherzig, mildtätig, wohltätig.
Viele Menschen, die jeden Euro umdrehen müssen, sind in ihrem sozialen Verhalten geradezu vorbildlich, zahlen die geforderten Steuern und Abgaben und engagieren sich ehrenamtlich z.B. in der Kirche oder in Vereinen. Mit ihrem Tun bringen sie sich in unsere Gemeinschaft ein.
Gemäß obiger Logik müsste demnach "reich = sozial stark" bedeuten. Mitnichten! Denn wer seinen Reichtum auf Kosten der Allgemeinheit anhäuft, Steuern hinterzieht, seine gesetzlich vorgeschriebenen Abgaben mit Hilfe unsittlicher Steuerkonstrukte der Gemeinschaft vorenthält und in Steueroasen bunkert, handelt in hohem Maße unsozial, ist also sozial schwach, weil diese Menschen sich damit aus unserer Solidargemeinschaft verabschieden.
Gleiches gilt hier für Unternehmen, so z.B. Facebook. Eine britische Journalistin fasste es so zusammen: "Facebook zahlt weniger Steuern als ich." Die Londoner Niederlassung des weltgrößten sozialen Netzwerks zahlte im abgelaufenen Jahr 2014 nur 4327 Pfund (etwa 5829 Euro) Steuern.
Wenn beim nächsten Gespräch dieser Euphemismus verwendet wird, dann können Sie parieren: Ach ja, Facebook gehört auch dazu. Wussten Sie, dass ...